Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit?

mein öffentliches Langzeit- und verlängertes Kurzzeitgedächtnis

                 

Da muss man eben wieder umdrehen ...

In den letzten Tagen noch wollte ich eine e-Mail an die Stadt Münster schicken, wegen der ziemlich nervigen Verkehrssituation in der Nähe des neuen Münsteraner Hauptbahnhofs. Ich hatte es immer direkt im Kopf, wenn ich dort jeden Morgen vorbeifuhr, habe es aber auch immer schnell wieder verdrängt. Jetzt aber reicht es für einen Blogpost inkl. einer e-Mail (mit Link auf diesen Blogpost), denn was dort jetzt passiert ist, halte ich für eine absolute Frechheit gegenüber der radfahrenden Bevölkerung Münsters (Gerüchte sagen, diese Gruppe sei gar nicht so klein, 40 % – hat da jemand aktuelle Daten parat?).

Zum Hintergrund: Der Münsteraner Hauptbahnhof wurde nach mehrjähriger Bauzeit Ende Juni 2017 neu eröffnet. Während der letzten Jahre war also rund um den Hauptbahnhof immer viel Baustelle und viel Provisorisches. Nahezu zeitgleich wurde ein Haus an der Ecke Bahnhofstraße / Berliner Platz abgerissen und ein anderes Haus1 fertiggestellt. Als dann Bahnhof und Haus vor einigen Wochen ganz fertig waren, habe ich mich gefreut: Endlich ein baustellenfreier Zugang zum Bahnhof (und de facto verpasse ich meinen Zug seltener seit der Haupteingang des Bahnhofs wieder geöffnet ist). Aber nein, zu früh gefreut, es wird nun an zwei weiteren Stellen an der Bahnhofstraße abgerissen und neu aufgebaut.

Ich pendele jeden Tag von Münster nach Bielefeld und wohne in der Nähe des Südparks. Der m.E. sinnvollste Weg zum Bahnhof führt über die Friedrich-Ebert-Straße und dann die Bahnhofstraße, die für den Autoverkehr nur in eine Richtung freigegeben ist. Das sehen vermutlich viele andere Radfahrer ähnlich. Während einer Ampelschaltung warten an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße Richtung Bahnhofstraße geschätzt 5 Radfahrer. Nehmen wir an, dass die Ampel eine Minute lang rot und eine Minute lang grün ist, summmiert sich diese Schätzung auf 30*5 = 600 Radfahrer pro Stunde (gerne würde ich mal echte Daten dafür sehen!). Ich wage also zu behaupten, dass diese Route das letzte Stück einer wichtigen Verbindung für den Münsteraner Radverkehr vom Süden der Stadt in Richtung Hauptbahnhof ist.

Der Grund weswegen ich in den letzten Tagen eine e-Mail an die Stadt schreiben wollte, war folgender: Wegen der beiden neuen Baustellen ist recht viel Baustellenverkehr auf der ohnehin nicht sehr breiten Bahnhofstraße. Dazu kommen einige Fußgänger (gerne inkl. Rollkoffer) auf der Straße, weil der Bürgersteig auf der rechten Seite wegen der Baustelle gesperrt ist sowie (natürlich) entgegenkommende Autos. Das ganze ähnelt an manchen Tagen schon ein bisschen einem Spießrutenlauf. Trotzdem befinden sich noch ca. 10 Parkplätze (und zusätzlich Autofahrer, die “nur mal kurz anhalten wollen” – im Parkverbot) auf der Bahnhofstraße und verknappen den Raum zusätzlich. Ich wollte anregen, wenigstens diese Parkplätze für die Dauer der Baumaßnahmen zu streichen.2 Aus Gründen der Verkehrssicherheit und – ja – der Freundlichkeit gegenüber Radfahrern.

Dazu bin ich aber nicht gekommen, denn, um ehrlich zu sein, war diese Situation nur ein weiterer kleiner Stolperstein, den die Münsteraner Stadtverwaltung Ihrer radfahrenden Bevölkerung vor die Füße wirft. Gerade nervig genug sich drüber zu ärgern, noch nicht nervig genug um ein großes Problem darzustellen. Heute morgen ist aber aus diesem kleinen Stolperstein ein großer Stein geworden. Vermutlich völlig spontan und nicht genehmigungspflichtig Sicherlich seit mehr als einer Woche geplant, stand heute morgen ein großer Kran mitten auf der Bahnhofstraße. Damit einhergehend war die komplette Bahnhofstraße gesperrt, es blieb nur ein schmaler Bürgersteig für Fußgänger auf der linken Seite. Natürlich war diese Sperrung weiträumig im Vorhinein mit haustürgroßen Schildern ausgeschildert: “Friedrich-Ebert Straße gesperrt, Umleitung U1 über Ludgeriplatz”. Ach, das hab ich wohl verwechselt mit der Sperrung der Friedrich-Ebert-Straße für den Autoverkehr vor einigen Wochen, die u.a. für Stau auf der Hammer Straße geführt hat. Denn leider (und nicht natürlich) gab es keinerlei Hinweise für Radfahrer im Vorhinein, zumindest nicht sichtbar im Straßenbild. Man fährt und steht auf einmal vor einer Vollsperrung. Klasse. Zufällig war kurz vor der Radstation ein Mitarbeiter des Ordnungsamts damit beschäftigt, parkende Fahrräder umzustellen.3 Ich fragte ihn, ob er von der Sperrung etwas wusste. Nein, davon habe er nichts gewusst, was solle man denn machen, wenn gebaut werden muss, muss eben gebaut werden. Und wenn man als Radfahrer dann nicht weiter komme, dann müsse man eben wieder umdrehen und sich einen anderen Weg suchen.

Alles was recht ist, liebe Stadt Münster, diese Sperrung war vorherzusehen.4 Die Art und Weise wie sie durchgeführt wurde, zeugt aber m.E. erneut davon, dass die Stadt Münster Radfahrer nicht als erfreuliche Entlastung des Autoverkehrs oder überhaupt als eine ernsthafte Art und Weise der Fortbewegung innerhalb der Stadt sieht. Anders erklärt sich es mir nicht, wie man diese für den Radverkehr wichtige Straße mal eben sperren kann (auch gut denkbar: die Stadt weiß gar nicht, wo wichtige Fahrradrouten sind). Es verstärkt sich mehr und mehr bei mir die Ansicht, dass die Stadt Münster Radfahrer nach außen hin gerne zu Marketingzwecken nutzt aber nach innen nur als vorhandenes Übel sieht, wenn es auf die Verkehrs- und Baustellenplanung ankommt. Nervig herumwuselnde Gestalten, die immer gegen Regeln verstoßen und die immer eine Extrawurst haben wollen. Sollen die doch absteigen und schieben! Oder eben Auto fahren. Oder nur an sonnigen Sonntagen eine faszinierende Tour durchs fahrradfreundliche Münster und Münsterland machen und die vielen Radwege und Ampeln bestaunen. Ja, Münster ist schon eine richtig tolle Fahrradstadt! Und wehrt sich leider nach wie vor mit Händen und Füßen dagegen, dieses Potential zu nutzen.


  1. Kann man das schon Hochhaus nennen? Hat Münster bald eine Skyline? Ist Münster irgendwann einmal eine Großstadt (ich meine nicht die 100.000 Einwohner Definition!)? [return]
  2. Seit mehreren Jahren habe ich mich außerdem gefragt, warum die Straße während der Bauarbeiten überhaupt für Autos freigegeben ist – eine wichtige Verbindung für den Autoverkehr ist sie jedenfalls nicht. Aber man kann ja nicht alles auf einmal haben. [return]
  3. Das ist ein weiterer Stolperstein in Bahnhofsnähe: Der Zugang zur Radstation ist oft von Fahrrädern zugeparkt. Die Radstation hat sich wohl schon an die Stadt gewandt, ob man denn da nicht einen Korridor generell freihalten könnte. Bisher ist noch nichts passiert. Und ja, Radfahrer, die auf dem direkt daneben liegenden Parkplatz für Menschen mit Behinderung parken sind egoistisch und rücksichtslos, längst nicht alle Radfahrer sind Engel. Aber ganz offensichtlich scheint es nach wie vor an Radabstellplätzen in Bahnhofsnähe zu mangeln (aber schön, dass es die Doppelstock-Dinger inzwischen gibt!). [return]
  4. Ich will auch gar nicht behaupten, dass Baustellen oder auch Sperrungen nicht nötig sind. Oft geht es nicht anders. [return]
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